Lateinamerika baut Raffineriekapazitaet aus: Dos Bocas und Kuba-Projekte starten
Mexiko und Kuba treiben den Ausbau ihrer Raffineriekapazitaeten voran: Dos Bocas erreicht volle Auslastung, waehrend Cienfuegos eine Modernisierung mit russischer Hilfe erhaelt.
Lateinamerika erlebt eine bemerkenswerte Renaissance seiner Raffineriebranche. Im Zentrum steht das mexikanische Mega-Projekt Dos Bocas im Bundesstaat Tabasco, das nach erheblichen Verzoegerungen nun seine geplante Verarbeitungskapazitaet von 340.000 Barrel pro Tag erreicht. Gleichzeitig wird die kubanische Raffinerie Cienfuegos mit russischer Unterstuetzung modernisiert und ausgebaut. Beide Projekte spiegeln den Versuch der Region wider, ihre Abhaengigkeit von US-amerikanischen Produktimporten zu reduzieren.
Die Raffinerie Dos Bocas, offiziell Olmeca getauft, war ein Prestigeprojekt des frueheren Praesidenten Andrés Manuel López Obrador. Mit Investitionen von rund 17 Milliarden US-Dollar – fast doppelt so viel wie urspruenglich geplant – ist sie eine der teuersten Raffinerieneubauten der vergangenen Jahrzehnte. Die Anlage produziert taeglich rund 170.000 Barrel Benzin und 120.000 Barrel Diesel, was etwa 30 Prozent des mexikanischen Kraftstoffbedarfs deckt. Die staatliche Pemex strebt unter der neuen Praesidentin Claudia Sheinbaum eine vollstaendige Eigenversorgung bei Benzin bis Ende 2026 an.
Allerdings bleiben technische Schwierigkeiten. Die Hydrocracker- und Coker-Einheiten arbeiteten in der Hochlaufphase nur mit 65 bis 70 Prozent Auslastung, was zu Qualitaetsproblemen bei den Endprodukten fuehrte. Pemex musste mehrere Ladungen zur Nachbehandlung in die USA exportieren – ein Kuriosum, das die Opposition scharf kritisierte. Auch die Verarbeitung von Schweroel der Sorte Maya bereitet Probleme, fuer die die Anlage eigentlich optimiert wurde.
In Kuba verfolgt die Regierung in Havanna parallel ein Modernisierungsprojekt der Raffinerie Camilo Cienfuegos, die gemeinsam mit Venezuela betrieben wird. Russische Konzerne, darunter Rosneft und Zarubezhneft, liefern Komponenten und Technologie im Rahmen eines bilateralen Abkommens. Die Kapazitaet soll von derzeit 65.000 auf 150.000 Barrel pro Tag steigen. Angesichts des massiven Kraftstoffmangels auf der Insel – die Stromversorgung bricht regelmaessig zusammen – ist das Projekt von hoher strategischer Bedeutung.
Weitere Vorhaben in der Region runden das Bild ab. In Brasilien arbeitet Petrobras am Ausbau der Comperj-Raffinerie in Rio de Janeiro, die nach jahrelangem Stillstand wiederbelebt wird. In Kolumbien investiert Ecopetrol in die Modernisierung der Raffinerien Cartagena und Barrancabermeja zur Anpassung an die Euro-6-Kraftstoffstandards. Argentinien wiederum erlebt unter der Regierung Milei einen Privatisierungsschub bei YPF-Raffinerien, was internationale Investoren wie Vista Energy und Pluspetrol auf den Plan ruft.
Aus europaeischer und insbesondere deutscher Sicht hat die lateinamerikanische Entwicklung indirekte Konsequenzen. Mexikanisches und venezolanisches Schweroel fliesst zunehmend in den eigenen Verarbeitungskreislauf statt in US-Raffinerien an der Golfkueste. Dies veraendert die globalen Crude-Stroeme und koennte die Verfuegbarkeit komplexer Rohoele fuer europaeische Spezialraffinerien verknappen. Branchenexperten von JBC Energy in Wien erwarten, dass die regionale Raffineriekapazitaet Lateinamerikas bis 2028 um etwa 600.000 Barrel pro Tag waechst – ein moderater, aber strukturell bedeutsamer Zuwachs in einer ansonsten schrumpfenden globalen Raffinerielandschaft.