Dos Bocas und Cienfuegos: Lateinamerika baut seine Raffineriekapazität deutlich aus

Mexikos Mega-Raffinerie Dos Bocas und Kubas Cienfuegos-Erweiterung verschieben die Mitteldestillat-Bilanz der Region. Eine Analyse mit Blick auf Schwechat.

Mexiko und Kuba investieren derzeit massiv in den Ausbau ihrer Raffineriekapazitäten. Die von Pemex betriebene Anlage Dos Bocas im Bundesstaat Tabasco erreichte im Oktober erstmals eine stabile Verarbeitung von 280.000 Barrel pro Tag, soll aber bis Mitte 2026 ihre Nennkapazität von 340.000 Barrel pro Tag voll ausfahren. Damit will die Regierung von Präsidentin Claudia Sheinbaum die jahrzehntelange Abhängigkeit Mexikos von US-Treibstoffimporten beenden.

Das Projekt mit einem Endpreis von rund 17 Milliarden US-Dollar – ursprünglich auf 8 Milliarden veranschlagt – war von Verzögerungen und Kostenexplosionen gekennzeichnet. Dennoch markiert es einen strategischen Wendepunkt. Mexiko importierte 2024 noch täglich rund 580.000 Barrel Benzin und Diesel, vor allem aus dem US-Golf. Mit dem Vollbetrieb von Dos Bocas und der Modernisierung der bestehenden sechs Raffinerien soll die Importabhängigkeit auf unter 100.000 Barrel pro Tag fallen.

Parallel dazu treibt Kuba mit russischer und venezolanischer Unterstützung die Erweiterung der Raffinerie Cienfuegos voran. Die Kapazität soll von 65.000 auf 150.000 Barrel pro Tag verdoppelt werden. Da das Land unter chronischem Treibstoffmangel leidet – die Stromausfälle in Havanna dauerten zuletzt bis zu 18 Stunden täglich – kommt diesem Projekt erhebliche soziale Bedeutung zu. Finanziert wird der Ausbau über einen 2 Milliarden US-Dollar schweren Kredit aus Moskau.

Für den europäischen und damit auch österreichischen Markt sind diese Entwicklungen indirekt relevant. Mit dem Wegfall mexikanischer Nachfrage nach US-Raffinerieprodukten könnten zusätzliche Mengen US-Diesel auf den globalen Markt gelangen. Analysten von Energy Aspects schätzen, dass Europa 2026 mit zusätzlichen 180.000 Barrel pro Tag US-Diesel rechnen kann, was die Großhandelspreise in Rotterdam um etwa 2,50 Euro je Barrel drücken dürfte.

Die Raffinerie Schwechat steht vor diesem Hintergrund vor einer doppelten Herausforderung. Einerseits profitiert sie von günstigeren Importpreisen für Rohöl-Komplemente, andererseits steigt der Druck auf die Produktmargen. Die OMV reagiert mit dem Programm "Schwechat 2030+", das 1,8 Milliarden Euro in die Modernisierung der Anlage investiert, darunter eine neue Glycerin-Hydrierungseinheit zur HVO-Produktion und Erweiterungen im Bereich Petrochemie.

Geopolitisch zeigen sich in Lateinamerika klare Linien. Während Mexiko auf Eigenversorgung setzt, baut Russland über Kuba und Venezuela seine Präsenz in der Region aus. Die USA reagieren mit verschärften Sanktionen gegen kubanische Importe russischer Komponenten. Die EU verhält sich neutral, doch österreichische Anlagenbauer wie Andritz und Voestalpine VAE liefern weiterhin Bauteile für lateinamerikanische Modernisierungsprojekte – mit einer Exportsumme von rund 240 Millionen Euro im Jahr 2024.

Langfristig könnte der lateinamerikanische Raffinerie-Boom zur Überkapazität führen. Brasilien, Mexiko und Kuba werden gemeinsam bis 2028 rund 700.000 Barrel pro Tag zusätzliche Verarbeitungskapazität schaffen. Sollte die Nachfrage nach Mitteldestillaten – wie viele erwarten – ab 2030 stagnieren, könnten ältere Anlagen sowohl in Lateinamerika als auch in Europa unter Druck geraten. Schwechat dürfte aufgrund seiner zentralen Lage und tiefen Konversionsstufen jedoch im Spitzenfeld bleiben.

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