Rotes Meer: Spannungen treiben Tankerfrachten um 60 Prozent – Schwechat spürt Effekte

Die Bedrohung durch Huthi-Angriffe lässt Tanker das Rote Meer meiden. Die Folgen reichen bis nach Schwechat, wo Lieferzeiten und Frachtkosten steigen.

Die anhaltenden Spannungen im Roten Meer haben die globalen Tankerfrachten massiv verteuert. Laut Baltic Exchange stiegen die Worldscale-Sätze für VLCC-Tanker auf der Strecke Naher Osten – Europa seit Jahresbeginn um rund 60 Prozent. Suezmax-Charterraten verdoppelten sich phasenweise auf über 95.000 US-Dollar pro Tag. Auslöser sind anhaltende Drohnen- und Raketenangriffe der jemenitischen Huthi-Miliz auf Handelsschiffe in der Bab-el-Mandeb-Meerenge.

Mehr als 70 Prozent der Tankerverkehre, die normalerweise den Suezkanal nutzen, weichen mittlerweile auf die Route um das Kap der Guten Hoffnung aus. Das verlängert die Fahrzeit zwischen dem Persischen Golf und europäischen Häfen um durchschnittlich 14 Tage und erhöht den Bunkerverbrauch je Reise um rund 2.500 Tonnen Schweröl. Der Suezkanal verzeichnete im Oktober Einnahmen von nur 380 Millionen US-Dollar – knapp die Hälfte des Vorjahresniveaus.

Für die OMV und die Raffinerie Schwechat ergeben sich daraus deutliche Mehrkosten. Rund 28 Prozent der Rohöllieferungen nach Triest, von wo das Öl über die TAL-Pipeline nach Schwechat fließt, stammen aus dem Nahen Osten – vor allem aus Saudi-Arabien, dem Irak und Kuwait. Pro Barrel rechnet die OMV mit einem zusätzlichen Frachtaufschlag von 3,20 bis 4,80 US-Dollar. Auf das Jahr hochgerechnet entstehen Mehrkosten von rund 95 Millionen Euro.

Auch die Lieferketten für Petrochemie-Produkte sind betroffen. Borealis, eine Tochter der OMV mit Standorten in Schwechat und Burghausen, bezieht Kunststoffvorprodukte teilweise aus dem Nahen Osten. Konzernchefin Lucrèce Foufopoulos sprach von einer "strukturellen Belastung", die mittelfristig Preiserhöhungen für Polyethylen-Endkunden erforderlich mache. Die Mehrpreise dürften 2026 zwischen 60 und 90 Euro je Tonne liegen.

Die Versicherungsprämien für Tanker stiegen ebenfalls deutlich. Die War-Risk-Insurance für Passagen durchs Rote Meer kostet aktuell bis zu 0,7 Prozent des Schiffswerts pro Reise – ein Vielfaches des historischen Normalwerts. Mehrere große Reedereien, darunter Maersk und Hapag-Lloyd, halten ihre Schiffe weiterhin von der Region fern, obwohl die multinationale Operation "Aspides" der EU eine gewisse militärische Absicherung bietet. Die österreichische Marine ist daran nicht beteiligt, das Bundesheer unterstützt jedoch mit zwei Stabsoffizieren das Hauptquartier in Larissa.

Geopolitisch bleibt die Lage angespannt. Solange der Konflikt in Gaza nicht beigelegt ist, dürften die Huthi-Angriffe anhalten. Diplomatische Vermittlungsversuche aus Oman und Saudi-Arabien blieben bislang ohne durchgreifenden Erfolg. Eine vollständige Normalisierung des Rotmeer-Verkehrs erwarten Analysten frühestens für die zweite Jahreshälfte 2026.

Für österreichische Konsumenten bedeutet die Krise indirekt höhere Preise an der Zapfsäule. Der ÖAMTC schätzt den Effekt auf rund 2 bis 3 Cent je Liter Eurosuper. Gleichzeitig verstärkt die Situation den strategischen Trend, mehr Rohöl aus den USA und Westafrika zu beziehen, deren Lieferrouten von der Krise nicht betroffen sind. Die OMV erhöhte den Anteil dieser Bezugsquellen seit Jahresbeginn von 41 auf 49 Prozent – ein stiller, aber bedeutsamer geopolitischer Strukturwandel.

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