NEOM startet kommerzielle Produktion von grünem Wasserstoff – Chance für die Voestalpine
Saudi-Arabiens Mega-Projekt NEOM liefert ab 2026 grünen Wasserstoff. Österreichische Abnehmer wie OMV und Voestalpine sondieren Lieferverträge.
Im Nordwesten Saudi-Arabiens hat das Mega-Projekt NEOM Green Hydrogen Company den Übergang in die kommerzielle Phase eingeleitet. Die Anlage in Oxagon, ein Gemeinschaftsunternehmen von ACWA Power, Air Products und NEOM mit einem Investitionsvolumen von 8,4 Milliarden US-Dollar, soll ab dem zweiten Quartal 2026 täglich 600 Tonnen grünen Wasserstoff produzieren – umgerechnet etwa 219.000 Tonnen pro Jahr.
Strom liefern 4 Gigawatt Wind- und Solarkraft, die Elektrolyse erfolgt über Anlagen von ThyssenKrupp Nucera. Der produzierte Wasserstoff wird vor Ort in Ammoniak umgewandelt – rund 1,2 Millionen Tonnen jährlich – und über den Hafen Duba per Spezialtanker exportiert. Air Products hat sich exklusive Abnahmerechte für 30 Jahre gesichert und vermarktet das Produkt weltweit.
Für Österreich ist das Projekt aus mehreren Gründen relevant. Die Voestalpine arbeitet im Rahmen ihres greentec-steel-Programms am Umstieg auf wasserstoffbasierte Direktreduktion und benötigt bis 2030 jährlich rund 600.000 Tonnen grünen Wasserstoff. Konzernchef Herbert Eibensteiner bestätigte, dass NEOM-Ammoniak als Importoption "sehr ernsthaft" geprüft werde. Die Hochöfen in Linz und Donawitz sollen ab 2027 schrittweise durch Elektrolichtbogenöfen ersetzt werden.
Auch die OMV hat strategisches Interesse am NEOM-Produkt. Das Unternehmen plant in Schwechat eine 10-Megawatt-Elektrolyse, doch die heimische Produktion deckt nur einen Bruchteil des Bedarfs. Importierter grüner Wasserstoff – respektive dessen Trägermolekül Ammoniak – könnte die Lücke schließen. Vorstandschef Alfred Stern sprach kürzlich von einem Importpreis-Ziel von 4,50 bis 5,50 Euro je Kilogramm Wasserstoff, geliefert frei Mittelmeer-Hafen.
Die Logistik bleibt jedoch eine Herausforderung. Ammoniak müsste in Triest oder Koper angelandet, dort zurück in Wasserstoff gespalten (Cracking) und über die bestehende Erdgaspipeline-Infrastruktur transportiert werden. Die AGGM, Österreichs Gasinfrastrukturbetreiber, untersucht derzeit, welche Leitungen ohne Komplettumbau bis zu 20 Prozent Wasserstoff beimischen können. Erste Tests an der WAG-Pipeline verliefen positiv.
Die EU-Kommission unterstützt den Import von grünem Wasserstoff im Rahmen der REPowerEU-Strategie, die bis 2030 zehn Millionen Tonnen jährliche Importe vorsieht. Über die European Hydrogen Bank werden für die ersten Auktionen Differenzverträge mit einem Garantiepreis von rund 4 Euro je Kilogramm angeboten. Österreichische Unternehmen können sich für nationale Auktionsfenster bewerben, die das Klimaschutzministerium für Anfang 2026 vorbereitet.
Skeptiker weisen darauf hin, dass NEOM hinter dem ursprünglichen Zeitplan zurückliegt und mehrere Subunternehmen über Zahlungsverzögerungen klagten. Dennoch gilt das Projekt als Leuchtturm der saudischen Vision 2030 und als ernstzunehmendes Signal, dass selbst klassische Ölförderländer den Strukturwandel aktiv mitgestalten. Für Österreichs energieintensive Industrie eröffnet sich damit ein potenzielles Versorgungsfundament, das die Abhängigkeit von russischem Erdgas weiter reduzieren kann. Die ersten Lieferverträge dürften noch 2026 unterzeichnet werden.